Montag, 24. April 2017

Ein Traum aus Chrom und Plexiglas


Ein alter Schuppen voller Erinnerung
Hinter den Kulissen von 'Do the Hopsalot-Hop'

Da sind Mäuse kleine Kulturbanausen: Sie erkennen nicht, dass diese Rock-ola 1458 in Hollywood Filmgeschichte mitgeschrieben hat. Eine Schwester dieser Jukebox hat 1960 in Billy Wilders "das Appartement' in einer Barszene neben Jack Lemmon gespielt.

 Wer genau hinschaut, sieht dass die Szenerie sich ein wenig geändert hat. Der alte Schuppen voller geheimnisvoller Schätze vergangener Zeiten ist noch mal umgezogen. Wer genau aufpasst, merkt auch, dass einige Musikboxen zusätzlich aufgestellt worden sind. Es ist schon wieder eine kleine Sammlung entstanden, die hoffentlich noch öfter eine Rolle in den Mäusewelten spielen wird. Noch unklar ist: welche?

So typisch amerikanisch wie Straßenkreuzer mit Heckflossen, Hamburger, Hollywood und Coca Cola: Die Jukebox aus ihren glanzvollen Zeiten in den Fünzigern.

Begonnen hat alles mit der perfekten Ausstattung für ein amerikanisches Diner – noch so ein Projekt, das bis jetzt nur im Verborgenen blüht. Meine Begeisterung für klassisches Hollywoodkino, die Filmsets der 50er und 60er und für die dynamischen Formen des amerikanischen Optimismus im Weltraumzeitalter können hier wunderbar ausgelebt werden. Fast Food kann hier gefahrlos für Leib und Linie genossen werden. Selbstverständlich gehört in das klassische Diner eine Jukebox, die neben einigen anderen Details nun im Maßstab 1:12 gesucht werden musste. Bei Ebay tauchts zuerst die italienische Sammeledition auf, die mit 33 Modellen von 1938 bis 1976 viele Klassiker von Wurlitzer, AMI, Seeburg und Rock-ola im schönsten Chinaplastik auferstehen lässt. Jede kann ca. eine Minute lang einen passenden Musikhit der Enstehungsjahre spielen und blinkt dazu mit mehreren farbigen Leuchtdioden. Ursprünglich wahrscheinlich in den 90er produziert, waren diese Musikmaschinen wahrscheinlich Teil eines dieser typisch italienischen Sammlerprojekte von unzähligen Zeitschriften plus einem aufgeklebten Extra, das nicht einzeln verkauft werden sollte. Das gibt es heute noch mit Feuerwehrautos im Wandel der Zeiten, den schönsten Bud Spencer Filmen, James Bond-Dienstwagen oder dem Schlachtschiff Graf Bismark mit nie geahnten Details in 36 Baugruppen. Meine Mutter hatte ein Faible für diese Serien, deren Beihefte zu Fotografie, Opern-DVDs oder Agatha Christie Büchern am Anfang einen Mehrgewinn versprechen und am Ende in den dazu erhältlichen speziellen Zeitschriftenschubern mit Aufdruck enden.

Die AMI I200 (für 200 verfügbare Titel) von 1958 kann 'Diana' von Paul Anka spielen. Diese Jukebox hätte auch im Filmset des Science Fiction Films 'Mataluna 4 antwortet nicht' (1955) stehen können, ohne zwschen Schaltpulten und Robotern aufzufallen.

Inzwischen sind die 33 Jukeboxen via Internet bei Resterampen, Fifties-Shops oder den Spezialisten für die großen Musikboxen als witzige Deko-Idee erhältlich und ich sammle mal wieder Expertenwissen. So ist die Blüte der Jukebox natürlich an den Aufstieg der Schallplatte gekoppelt. Erst als Hort für 24 78er Schelllackplatten (nur einseitig abspielbar) und dann mit Einführung der 45er Single auf Vinyl mit bis zu 220 Titeln eroberten die bunten Musik-Kisten den öffentlichen Raum in Bars, Tanzhallen, Kneipen und Restaurants. Sie machten die Live-Musik überflüssig und halfen, die Idee zu verbreiten, dass beliebte Lieder nur von bestimmten Interpreten gesungen werden sollten. Der Aufstieg der Sänger vor den Bandleadern und Komponisten wurde vom Radio und den Musikboxen nachhaltig gefördert. Sie machten Musik überall und jederzeit in der Öffentlichkeit verfügbar und die Hersteller überboten sich, die Vielfalt des Angebots mit trickreichen Mechaniken zu steigern. Diese wurden stolz in leuchtenden Sichtfenstern oder gleich riesigen Glaskästen vorgeführt.

Fünf Wurlitzer Jukeboxen von 1938 bis 1948 zeigen deutlich den Einfluss von Art Deco auf die Gestaltung der Musiktruhen. Die 1015 (2. v. r.) ist inzwischen der Archetypus für die Jukebox schlechthin.

Die Zusammenfassung der Musik in eine einzige Box war bis in die 70er in der Regel ein Hörgenuss in Mono, die versprochene Stereophonie wohl eher geschicktes Marketing, denn die abgespielten Singles wurden bis Ende der 60ern nur Mono abgemischt. Auch meine Plattenkarriere begann zuhause noch in Mono mit einem transportablen Philips-Plattenspieler, der keinen eigenen Lautsprecher hatte und dafür an das etwas ältere Universum Röhrenradio angeschlossen werden musste. Umso faszinierender war die schon verfügbare Wechselautomatik, die es erlaubte, einen Turm von zehn Singles hintereinander weg abzuspielen – ohne weiteren Handgriff. Solch sichtbare mechanische Wunder zeigten auch noch die Jukeboxen in den Kneipen meiner Jugend, obwohl die goldenen Zeiten da schön längst vorbei waren. Riesige Sichtfenster erlaubten hier die Auswahl, das Herausheben und das Aufsetzen des Plattenarms auf den in riesigen Magazinen bereitstehenden Vinylsingles in allen Einzelheiten zu bewundern. Manches Musikstück wurde damals sicher auch extra gespielt, um die Mechanik noch einmal arbeiten zu sehen.

Die Jukeboxen Mitte der 50er zeigen eine großen Glashaube über immer komplexeren Wechselmagazinen. Längst mit 45er Singles gefüllt hat jeder Hersteller (vorne eine Seeburg V200 von 1955) ein eigene Mechanik entwickelt, die stolz dem staunenden Publikum vorgeführt wird.

Schon zu Beginn war den Herstellern von Jukeboxen klar, dass sie neben der Musik auch Schauwerte bieten mussten. Der Erfolg von Wurlitzer beruhte auch auf dem atemberaubenden Art-Deco-Design mit farbigen Röhren und prächtigen silbernen Schmuckelementen. Die Farbsäulen konnten fast schon psychedelisch die Farben wechseln und erhöhten das Spektakel noch mit sichtbaren Blubberblasen. Als gigantische Vorläufer der Lavalampen waren Jukeboxen immer schon zu schade, um sie in einer dunklen Ecke zu verstecken und sollten Mittelpunkt im Raum sein. Ein leuchtender Altar für endlose Popmessen im Dreiminutentakt und die Werbeanzeigen zeigten ein ergriffenes Publikum applaudieren.

Ende der 50er haben die neuste Generationen von AMI und Rock-ola riesige Panoramascheiben mit gewölbten Kanten. So wie bei den luxuriösen Cadillac Eldorado Limousinen jener Tagen.

In großen Linien ist hier die Entwicklung der Jukeboxen schon in diesen italienischen Minimodellen abzulesen. Es beginnt in den 3oer mit Art-Deco Kathedralen an der Tanzfläche. Die klassische Wurlitzer-Box mit ihren gelb-roten Ringen und der floralen silbernen Spange im Zentrum ist schon dabei. Diese Stilelemente tauchten Ende der 7oer als Ufo auf den Plattencovern des Electric Light Orchestra auf und nach 2000 in Münster auf dem Dachboden einer Wilsberg-Folge. Das diese Modelle aus Plexi und Plastik sind passt sehr gut, denn das war auch das beherrschende Material der ersten Jukebox-Fassaden. Deshalb gab es zu Beginn des 2.Weltkriegs auch hier einen Einbruch, da diese Materialien kriegswichtig lieber in Flugzeugen eingebaut wurden. Die sehr traditionelle Alternative als dekorierter Holzschrank habe ich mir hier gespart.

An der Wand stehen zwei besonders fururistische Exoten: Die AMI Continential von 1961 und die Filben EP300 Maestro. Auf der linken Seite stehen weitere Jukeboxen der 60er: Schlichtere Formen, kleinere Sichtfenster und besser lesbare Listen. 

 Nach dem Krieg war Amerika erst Recht Wirtschaftswunderland und die Jukeboxen erlebten eine zweite Blüte. Nun gehörte die Mechanik unter einen spektakulären Schneewittchenglassarg. Solche Jukeboxen stehen selbstverständlch auch in der Barszene neben Sidney Portier in der Hitze der Nacht. Egal ob Straßenkreuzer mit Heckflosse, Roboter im Science Fiction-Film oder eben Jukebox, die weich schwingenden Formen, Bonbon-Farben, Chromleisten und Panoramascheiben prägen die Formsprache der späten 50er. Danach in den 60ern wurde es nüchterner, die Formen gerader und die Mechanik verschwindet unter riesigen Flächen mit den auszuwählenden Titeln. Die ersten Stereo-Ohren tauchen auf. Das nachfolgende Elend der 70er habe ich mir nicht mehr angetan.

Keine Gefahr für Sir Hopsalot: Die Jukeboxen im Ruhezustand. 

Die aktuelle Geschichte von Sir Hopsalot auf 'Bären in Haus und Garten' berührt in vielem mein eigenes Leben. Einiges nennt der kurze Text am Ende. Da ist die Begeisterung für die Musik, die noch größere für das mehrstimmige Abspielen von technichen Geräten und der etwas extreme persönliche Tanzstil.

Hier geht es zur Geschichte im Bärenblog.

Der Schuppen voller Chrom, Plexi, Plastik und bunter Lichter.

Wenn wieder so viele Jukeboxen in Aktion sind, wird Sir Hopsalot gleich wieder loslegen – wenn er es nicht vorher schafft aus dem Schuppen zu fliehen.

Idee und Fotos: W.Hein

1 Kommentar:

Topfgartenwelt hat gesagt…

Das ist ja ein interessanter Bericht. Du hast wahrlich eine ganz besondere Sammelleidenschaft ;)

LG kathrin