Samstag, 27. Oktober 2012

Wir bekommen die Saurier, die wir verdienen



Große Fachbärenkonferenz im Garten: Howard hat Linus eingeladen, damit der kleine Bär etwas über Saurier lernt. Genau genommen etwas über die Entwicklung der Dinofiguren. Als erstes fängt er mit vier Raubsauriern an. Der größte ist gleichzeitig der jüngste, ein Tyrannosaurus Rex, der fast waagerecht auf seinen Hinterbeinen balanciert. Die älteren Tiere stützen sich noch mit dem Schwanz ab."Das liegt daran, dass man früher glaubte," erklärt der Große, "Saurier seien als Reptilien Kaltblüter und deshalb träge und schwerfällig."

Der älteste Saurier ist ein kleiner Allosauraus, die erste Kunststoff-Figur aus den Sechzigern, der noch ganz aufrecht geht. Die angewinkelten Vorderkrallen wirken so, als würde ein Hündchen Männchen machen, bevor es Pfötchen gibt. "Der sieht eigentlich aus, als würde da ein Mensch drin stecken," zeigt Howard, "wie in den japanischen Monsterfilmen. Eigentlich fehlt nur noch der senkrechte Reißverschluss auf Brust." Linus staunt, dass die anderen Saurier vor diesem trägen Tropf so viel Angst hatten. 

"Nun, die Pflanzenfresser waren damals auch nicht viel heller." Das ist der erste Sauropode als Figur, der natürlich noch 'Brontosaurus' hieß. Der Kopf ist noch viel plump und rund, weil auf dem ersten Skelett im Museum noch der falsche Schädel montiert worden war. Den richtigen Schädel haben sie erst beim nächsten Skelett gefunden. Linus schaut sich den Kopf genauer an: "Der zieht ja einen richtigen Flunsch. Bronto guckt damit wirklich etwas dämlich in die vergangene Welt." 

In den frühen Achtzigern glaubten die meisten Dinofreunde noch, die großen Saurier wären so schwer, dass sie die ganze Zeit in irgendwelchen Teichen und Tümpeln stehen müssten. Da war es ja wohl klar, dass sie ihre Hälse ganz hoch wie die Seerohre von Unterseebooten halten mussten. Die Saurier sahen zwar inzwischen ein bisschen pfiffiger aus, waren aber eigentlich immer noch schwere und plumpe Gesellen. Auf jeden Fall gab es bei den Figuren schon ordentlich große Brocken, wie diesen Diplodocus.

Ende der Achtziger gab es aus England die ersten Figuren, die von den Proportionen und den Details eher dem Stand der Saurierforschung entsprachen. Und aus dem 'Brontosaurus' wird endlich ein 'Apatosaurus'. Linus muss lernen, dass die Forscher oft nur Bruchstücke von den Saurierskeletten finden und sich dann den Rest ausdenken müssen. Da kann es schon leicht vorkommen, dass dasselbe Tier mehrere Namen bekommt. Aber eigentlich ist auch dieser Saurier noch etwas hochnäsig dafür, dass er den Schwanz immer noch hinterher schleift. Merkwürdigerweise gibt es aber keine Schwanzschleifspuren bei den gefundenen Saurierfußabdrücken, die versteinert in irgendwelchen Felswänden besichtigt werden können. Howard vermutet, dass es bei den schweren Dinoknochen früher einfacher war, die Skelette in den Museen mit auf dem Boden liegenden Schwänzen zu montieren. "Haha, schwere Knochen, das sagt man doch immer bei Übergewicht," freut sich der kleine Bär. "Na eigentlich gibt es ja keine Knochen, die Jahrmillionen halten," klärt ihn der Große auf. "Das sind Versteinerungen, die genau die hohle Knochenform nachgebildet haben, wenn die echten Gebeine zerfallen sind. Also haben die Museen riesige, schwere Steinpuzzles, die sie zu 27 Meter langen Figuren zusammensetzen. In Wirklichkeit waren Saurierknochen fligran wie Ultraleichtflieger gebaut und das geschätzte Lebendgewicht so eines Riesen hat so inzwischen eine ordentliche Abmagerungskur durchgemacht. Von trägen 30 Tonnen auf immer noch stattliche 12 Tonnen ... aber auch dafür mussten die Moppelsaurier wohl immer noch den ganzen Tag fressen.

Vorbei zieht zügig eine Herde mit Diplodoci und Cetiosauriern. Die vorderen sind noch unbemalt, wie sie ursprünglich im Museumsshop angeboten wurden. Die hinteren beiden sind inzwischen angepinselt worden und die Saurier werden so mit der Zeit immer bunter. Früher kamen die Echsen immer noch so daher, als müssten sie sich bei einem Panzermanöver des kalten Krieges verstecken. Deren Haut hatte Unfarben in moddergrün oder matschebraun, die wären auch als muschelige Tarnfarben durchgegangen. Linus gefallen die bunten Saurier auf jeden Fall viel besser.

Das vorn ist jetzt ein ganz moderner Diplodocus. Er hält Hals und Schwanz ganz waagerecht. Der winzige Kopf kann jetzt wie eine Staubsaugerdüse den Boden im weiten Bogen abgrasen, damit der riesige Bauch gefüllt wird. Der lange schwingende Schwanz kann wie eine Peitsche als Waffe eingesetzt werden. In aktuellen Bildern laufen die großen Pflanzenfresser auch in großen Herden über trockene Steppen, denn inzwischen zweifeln einige Wissenschaftler daran, dass selbst so ein winziges Gehirn mit Blut versorgt werden könnte, wenn der Kopf bis zu sechs Meter über dem Boden schweben würde. Und im Wasser müssten die Riesen so tief stehen, dass die Lungen Mühe gehabt hätten, gegen den Wasserdruck anzuarbeiten. Der weltbeste Dinoexperte überlegt noch, ob es komische Kräuter und Pilze in diesen Savannen gegeben hat, denn inzwischen bekommen die Dinos Farben wie im Drogenrausch.

Als nächstes zeigt Howard dem kleinen Bären einige der bekanntesten Dinosaurier, die schon seit Jahrzehnten in jedem Buch und Film auftauchen. Vom Stegosaurus, Triceratops und Ankylosaurus gibt es ebenso wie von den dicken beiden Sauropoden unzählige Figuren. Auch bei den Sauriern gibt es so etwas wie die 'Big Five' für afrikanischen Safaris. So wie man dort Elefanten, Löwen, Nashorn, Wasserbüffel und Leoparden gesehen haben sollte, gibt es augenscheinlich auch einige Riesenechsen, die jedes Kind kennt und sogar einige Erwachsene. Deshalb kann der allergrößte Urzeitforscher nur lässig abwinken, da kann Howard ihm doch nichts Neues erzählen.

Inzwischen ist klar, dass viele Saurier in riesigen Herden lebten, so wie die Hadrosaurier der Art Parasaurolophus. Deshalb haben die meisten Räuber wohl auch im Rudel gejagt, um überhaupt dazwischen zu kommen. Da die Tiere sich untereinander verständigen müssen, damit es in großen Gruppen nicht ständig ein Durcheinander gibt, können sie gar nicht so doof gewesen sein. Da trifft es sich gut, dass die Wissenschaftler inzwischen glauben, dass die Dinos eng mit den Vögeln verwandt sind, denn die heutigen Piepmätze kennen sich auch mit großen Schwärmen aus. Obwohl so ein Entenschnabelsaurier immer noch ein ganz schön großer Brocken bleibt. Howard meint, Linus könne sich auch eine afrikanische Savanne voller Saurier vorstellen mit einem Allosaurus oder Tyrannosaurus Rex als Rudelräuber ... so wie dieser Tage die Löwen.

Howard will gerade von gefiederten Räubern anfangen, die furchtbar schnell, wild und gefährlich weiblich sind, da blicken die beiden Fachbären auf die schweren Wolken am Himmel, die schnell dunkel heraufziehen. Die hinterhältigen Velociraptoren müssen sie wohl auf ein anderes Mal verschieben. Das weitere Fachsimpeln für Urzeitforscher wird für heute vertagt.


Fotos: W.Hein

Linus und Howard sind Rica-Bären. Die Saurier kommen von den verschiedensten Herstellern und zeigen, wie auch der Begriff 'Museumsqualität' dem Wandel der Zeit unterliegt.


Montag, 15. Oktober 2012

In einer anderen Zeit



Zwei Pteranodone fliegen mit trägen Schwingen durch die grünen Wipfel.

Unten Ihnen bebt die Erde unter den schweren Tritten einer mächtigen Sauropodenherde, die die große Ebene nach neuen frischen Trieben durchstreift.

Sanft schwingen die langen Hälse voran, wenn die Pflanzenfresser dicht gedrängt die freie Fläche überqueren. Besonders die jungen Saurier halten sich eng an die großen Tiere. 

Die Allosaurier jagen im Rudel. Keiner gönnt dem anderen den Dreck unter den Krallen, aber keiner von ihnen könnte einen riesigen Pflanzenfresser allein überwältigen.

Unbekümmert dreht der Edmontosaurus seine Runden vor dem Polycantus. Die Panzerechsen müssen keinen Fleischfresser fürchten ... solange sie nicht auf den Rücken gedreht werden.

Die Raptorenbande bricht aus dem Dickicht hervor. Sie können es kaum erwarten, einen dieser einfältigen Pflanzenfresser zu stellen.

Die tumben Stegosaurier sind schon jetzt in heller Aufregung, da ein gieriger Allosaurus eifrig um sie herum scharwenzelt.

Neugierig heben die Brachiosaurier die Köpfe über das Blätterdach. Mit sanftem Pfeifen versichern sich die Tiere, dass sie nicht gemeint sind, bevor sie wieder abtauchen um die jungen Blattspitzen abzurupfen. 

Der alte Triceratopsbulle zeigt dem jungen Herausforderer, dass er noch einige Zeit warten sollte, bevor er hoffen kann die Herde anzuführen.

Eine Gruppe von Hadrosaurier verdaut die letzten zarten Grünspitzen. Bald werden sie sich neue Nadelbäume mit jungen Trieben suchen müssen.

Lange spitze Hörner hindern den Tyrannosaurus daran, jetzt endlich zuzubeißen. Diesen wehrhaften jungen Styracosaurus muss er wohl überraschen. Beim nächsten Mal wird er sich aus dem Hinterhalt anpirschen.

Angepirscht haben sich die restlichen Allosaurier an die große Sauropodenherde. Doch noch sehen sie keinen Weg, den dichten Pulk auseinander zu sprengen. Sie knurren sich frustriert an, um ihre knurrenden Mägen zu übertönen. 

 Die alte Parasaurolophuskuh hebt misstrauisch den Kopf. Etwas beunruhigt das erfahrene Leittier. Und jetzt knackt ein dünner Ast im Unterholz ... 

Mit hoch erhobenen Schwänzen stürzen plötzlich die Velociraptoren auf die erschreckte Parasaurolophusherde zu. Das erste Tier, das zurückbleibt, gehört ihnen.

Doch bevor sich die Raptorenbrut sich auf den ersten Entenschnabelsaurier stürzen kann, springt ein kleiner Bär dazwischen. Linus braucht noch jeden Saurier ... auch die drögen Pflanzenfresser. 

"Menno!" So kann doch kein Raubtier arbeiten. Sie werden warten bis dieses störende Fellknäuel wieder weg ist.

Fotos: W.Hein

Dies sind die ersten Bilder von der wachsenden Saurierbande. Und es ist ganz schön schwierig mit ihnen auf Augenhöhe zu kommen. Es wird wohl noch ein etwas weiterer Weg, unsere grüne Hölle in eine perfekte Jura- oder Kreidezeit zu verwandeln ...